Sudeten – eine Begriffsbestimmung
Geographisch: "Die Sudeten sind ein Gebirgszug zwischen Schlesien und Böhmen und verbinden das Erzgebirge mit den Karpaten.
Sie verlaufen Großteils im tschechisch-polnischen Grenzgebiet und bilden die nordöstliche Umrahmung des Böhmischen Beckens zwischen dem Zittauer Becken und der Mährischen Pforte.
Die Sudeten gliedern sich in mehrere Massive, von denen das Riesen- und das Altvatergebirge die markantesten sind.
Der gesamte Gebirgszug ist 310 km lang und 30 bis 50 km breit. Seine höchste Erhebung ist die Schneekoppe im Riesengebirge mit 1603 m"
Und:
"Der Name Sudeten wurde von der Bezeichnung "Soudeta ore" (deutsch möglicherweise Wildschweinberge) abgeleitet, die der griechische Geograph Claudius Ptolemäus im Jahre 150 für die heutigen nördlichen tschechischen Gebirge verwendete."
Grundsätzlich sind also nur die Bewohner dieser Gebirgszüge die Bewohner der Sudeten.
Auf das Sprachliche bezogen wären nur diese Ehemaligen Bewohner die Sudetendeutschen.
Die Politik etc. schaffen halt manche tollen Situationen.
"Sudetenland" ist ein Begriff mit mehreren, voneinander abweichenden, Definitionen.
Sie finden sie hier.
Die erste davon war die Bezeichnung für alle böhmischen Länder in der Habsburgermonarchie - in Abgrenzung zu den "Alpenländern", "Karstländern" und "Karpatenländern". Diese vier bildeten die österreichische Reichshälfte.
Rot gekennzeichneten Gebiete sind überwiegend Deutsch-sprachlich.
Die österreichische Verwaltung verwendete diese Begriffe seit dem späten 19. Jhdt..
Die Einschränkung auf (Teile der) deutschsprachigen Regionen in den böhmischen Ländern kam erst nach 1900 auf und erlangte erst nach 1918 größere Bedeutung.
Aber auch hier gab es immer unterschiedliche Vorstellungen, was darunter zu verstehen sei.
Mein 1896 im Böhmerwald verstorbener Urgroßvater hätte "Sudetendeutscher" nicht verstanden. Er sah sich wohl als "Böhme" bzw. "Deutschböhme".
Die deutschen Dialekte in den böhmischen Ländern waren stark unterschiedlich und gehörten teilweise zu den ober- bzw. den mitteldeutschen Dialekten.
Ab der Gründung der CSR 1918 wurde der Begriff "Sudetendeutscher" als eher politischer Begriff verwendet, weil es keinen anderen Sammelbegriff für alle Deutschsprachigen in der Westhälfte der CSR gegeben hat.
Der Begriff war von Beginn an eher unglücklich gewählt, denn was hatten beispielsweise Böhmerwälder, Erzgebirgler, Prager, Brünner, Budweiser und Südmährer mit dem Gebirgszug der Sudeten zu tun?
Deutsche siedelten seit dem Hochmittelalter in den böhmischen Ländern.
Aber es gab auch schon früher welche, denken Sie an den Kaufmann Samo, der dort im 7. Jhdt.. ein (vermutlich) kurzlebiges Reich (gegen die Awaren Herrschaft) errichtet hat.
Er wird in den ältesten Quellen als "Franke" bezeichnet, denn den Begriff "Deutscher" gab es damals ebenso wenig, wie den späteren abstammungsbasierten Nationenbegriff.
Es gibt auch Theorien, dass in den Randgebirgen der böhmischen Länder Reste germanischer Stämme wie der Markomannen und Quaden die Völkerwanderung überlebt hatten.
Man kann das weder beweisen noch ausschließen.
Denn für das Frühmittelalter der böhmischen Länder gibt es kaum Quellen. Und in den wenigen erhaltenen Urkunden und Chroniken spielte die Sprachzugehörigkeit irgendwelcher Stämme in den riesigen Urwäldern keine Rolle.
Jedenfalls gab es vom 10. - 15. Jhdt.. immer wieder Einwanderungswellen aus den deutschsprachigen Nachbargebieten in die böhmischen Länder und zwar meist auf Einladung der böhmischen Herzöge bzw. Könige. Aber es gab natürlich auch andere Einwanderungswellen, wie beispielsweise die der Wallachen in Nordostmähren.
In den Hussitenkriegen wurden viele deutsche Siedlungen in Innerböhmen (wie Deutsch Brod, Kolin, Kuttenberg usw.) vernichtet. In den Randgebieten sprach man aber weiterhin deutsch. Nach 1648 wanderten weitere Deutsche aus den Nachbarländern in das schwer zerstörte und halb menschenleere Böhmen und Nordmähren ein. Die damals entstandenen neuen Sprachgrenzen bestanden bis zur kollektiven Vertreibung 1945/46.
"Österreicher" war bis 1918, bzw. sogar 1945 ein politischer Begriff, kein sprachlich-ethnischer.
Auch die Tschechen, Polen, Italiener usw. in der Donaumonarchie waren Österreicher.
Erst ab 1945 setzte sich der Begriff der "Österreichischen Nation" allmählich durch.
D.h. die Deutschen um 1910 in Böhmen sahen sich gleichzeitig als Österreicher (Staatszugehörigkeit) und Deutsche (Sprachzugehörigkeit) - das war kein Gegensatz.
Als Literatur kann ich Ihnen empfehlen:
Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage, Beck, München 1997 (Becks’ historische Bibliothek), ISBN 3-406-41694-2
Mit Abstrichen auch:
Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte. Kraft, Mannheim 1978, ISBN 3-8083-1141-X.
Mit freundlichen Grüßen aus Wien
Günter Ofner